Wenn du ein Schreibprojekt beginnst, solltest du dir über eines im Klaren sein: Schreibst du nur für dich? Oder möchtest du, dass dein Text von möglichst vielen Menschen gelesen wird? Beides ist vollkommen in Ordnung. Aber bedenke: Leserorientiertes Schreiben hat seine ganz eigenen Regeln. Und um die zu lernen, gibt es keinen besseren Ort, als (drum roll): den Newsroom.
Wie du vielleicht weißt, komme ich beruflich aus dem Journalismus. Eine härtere Schule, um leserorientiert zu schreiben (und die eigene Eitelkeit ganz fix aus dem Fenster zu werfen) gibt es vermutlich nicht. Im Print gilt: Du hast so und so viele Zeilen, fass dich kurz! Deinem Redakteur ist es egal, wie schön deine ursprüngliche Formulierung war. Am Abend ist Druckschluss, und wenn du deinen Text nicht kürzt, tut er es.
Im Online-Journalismus hast du zwar etwas mehr Raum, aber täusche dich nicht: Ein längerer Text ist Fluch und Segen zugleich und garantiert nicht, dass deine Leserînnen auch bis zum Fazit am Ende vordringen. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne junger Leserînnen beträgt zwischen 1,7 (mobil) und 2,5 Sekunden (Desktop). So viel Zeit hast du, um deine Leserschaft zum Weiterlesen zu bewegen.
Viele meiner wichtigsten Learnings aus dieser Zeit lassen sich 1 zu 1 auf das kreative Schreiben übertragen. Hier kommen sie also, meine Top 4 Schreibtipps aus dem Journalismus:
Schreibtipp 1: Verliere den Respekt vor dem Text
Die Probs für die vielleicht erste journalistische Lektion meines Lebens gehen an Timur Vermes – seines Zeichens ehemaliger Journalist. In einem frühen Interview sagte er mir: „Der Journalismus hat mich gelehrt, den Respekt vor dem Text zu verlieren.“ Bäm.
Was hart klingt, trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn man zum ersten Mal eine Geschichte oder einen Artikel schreibt, ist jedes Wort heilig. Man sieht, wie schön sich die Worte aneinanderreihen, ist stolz auf diesen und jenen Schachtelsatz, und Freunde und Familie sind hellauf begeistert. Dann kommt der Realitätscheck.
Ich erinnere mich noch gut an eine meiner ersten Reportagen bei der Süddeutschen Zeitung. Ich hatte ewig an dem Text gefeilt, mich sprachlich maximal ausgetobt und war stolz wie Oskar. Dann gab ich den Artikel meinem Redakteur zur Korrektur, und, nun ja, sagen wir: Als er mit meinem Text fertig war, stand kein Stein mehr auf dem anderen. Der Text war um die Hälfte zusammengestaucht und mein Ego … ward nicht mehr gesehen.
Erfahrungen wie diese haben mich gelehrt: Der schönste Satz nützt wenig, wenn er den Erzählfluss stört oder den roten Faden killt. Also lerne, zu kürzen – und zwar radikal!

Schreibtipp 2: Wie glaubwürdig sind deine Quellen?
Zugegeben, die Anforderungen, die der Journalismus an seine Quellen stellt, lassen sich nur teilweise auf das kreative Schreiben übertragen. Trotzdem, stell dir immer die Frage: Wer sind deine Protagonistînnen? Warum sind gerade sie die Richtigen, um die Geschichte zu erzählen? Würde sich ein anderer Charakter womöglich besser eignen? Je vielseitiger deine Quellen, desto besser wird die Geschichte ausgeleuchtet.
Schreibtipp 3: Die Dosis macht das Gift
Dieser Satz lässt sich auf einige Punkte übertragen, aber bleiben wir zunächst beim Stichwort „Infodumps„. Gerade bei Fantasy-Projekten ist man versucht, Leserînnen bereits auf den ersten Seiten mit dem gesamten Worldbuilding zu beglücken. Bloß keine Fragen offenlassen und so weiter.
Kleines Geheimnis: Auch wenn du zunächst viele Fragen unbeantwortet lässt, deine Leserînnen halten das aus. In vielen Fällen sind die offenen Fragen sogar der Hook, der sie zum Weiterlesen bewegt. Frage dich immer, welche Fakten MUSS der Text vermitteln und WANN. Spannende Infos sind wie Gewürze: Kein (normaler) Mensch würde eine halbe Tasse Cayenne auf einmal mampfen. Richtig dosiert und über das ganze Gericht verteilt schmeckt er dagegen wunderbar.
Schreibtipp 4: Fang deine Leserînnen ein
Die Aufmerksamkeitsspanne deiner Leserînnen ist kurz – also muss jeder Satz sitzen. Ich versuche, jedes Kapitel wie eine Reportage anzugehen, bei mir haben sie sogar eine ähnliche Länge (durchschnittlich sechs Normseiten):
Wir beginnen mit einem spannenden Einstieg. Der erste Absatz muss knallen und direkt Lust auf mehr machen. Infos werden dünn gesät und nur dort, wo sie die Handlung vorantreiben. Wenn es möglich ist, versuche ich immer, Fakten unauffällig in Handlungen und Dialoge mit einfließen zu lassen (showing, not telling).
Was Dialoge angeht, habe ich für mich die 2-3-Absatz-Regel aufgestellt. Spätestens nach zwei bis drei Absätzen wird der Fließtext durch ein Zitat bzw. einen Dialog aufgelockert. Das klappt nicht immer, ist aber eine gute Richtschnur, um nicht doch aus Versehen in einen seitenlangen Infodump oder inneren Monolog abzurutschen.
Das Allerwichtigste: Jedes Kapitel hat eine Agenda. Jeder Satz zahlt auf diese Agenda ein. Jeder Absatz, jeder Satz, der nicht dem roten Faden dient, fliegt raus. Zu guter Letzt versuche ich, jedes Kapitel mit einer starken Aussage, Erkenntnis oder einem Cliffhanger enden zu lassen.
Zu brutal?
Kannst du mit diesen Learnings etwas anfangen? Oder praktizierst du das eine oder andere sogar bereits? Lass es mich wissen! 🙂

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